Bio - zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ein Beitrag von Stefanie

Bio - zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Gestern war ich bei einem tollen Filmabend im Rahmen der Wandelwoche Hamburg mit anschließender Podiumsdiskussion.

Der Film hieß "Weniger ist Mehr. Die Grenzen des Wachstums und das bessere Leben." und Regie führte Karin de Miguel-Wessendorf.

Ein wirklich toller Film, der sehr ähnlich Tomorrow die Möglichkeiten aufzeigen soll, die wir haben, um aus dem System des Wirtschaftswachstums auszusteigen.

Also genau der Film zu unserem Podcast und doch soll es um den Film jetzt gar nicht gehen.

Nachhaltiger Konsum und das bessere Leben

Während der anschließenden Diskussion meldete sich eine Dame aus dem Publikum zu Wort, die von einem Erlebnis berichtete, dass sie empört hatte.

Sie war mit einer Schulklasse auf einem Bioland-zertifizierten Bauernhof gewesen, um den Kindern die artgerechte Nutztierhaltung näher zu bringen.

Sichtlich erregt berichtete sie, dass selbst dort konventionelle Methoden vorherrschen würden, da die Kälber der Milchkühe ebenso in kleinen Kälberiglus gehalten wurden.

Sie sei der Meinung gewesen, dass in einem Biobetrieb die Kälber bei den Müttern bleiben dürften- wenn es schon in konventioneller Haltung nicht der Fall sei.

Und hier stellt sich die Frage was Bio eigentlich ist?

Die Dame aus dem Publikum ist sicher nicht die einzige, die sich eine Wunschvorstellung von "Bio" gebastelt hat.

Glückliche Kälber, die bis an ihr Lebensende bei ihrer Mutter sein dürfen. Glückliche Milchkühe, die dem Bauern ihre Milch mit einem sanften Muh schenken, um dann auch noch genug Milch für ihr Kälbchen zu haben.

Auch ich habe früher in meinem langen Leben als Vegetarierin Bio-Milch gekauft und mir nie Gedanken über die Kälbchen gemacht. Es ist mir nicht einmal im Traum eingefallen, dass es ja Kälbchen geben muss, damit die Milch fließen kann.

Auch ich bin diesem Wunschkonstrukt erlegen, dass "Bio" es den Milchkühen ermöglichen müsse glücklich zu leben.

Wir brauchen diese Vorstellung um unser Handeln zu rechtfertigen.

Wenn Du so wie ich, ethisch motiviert bist, dann kannst Du es nur solange aushalten Milch zu trinken, Käse oder Butter zu essen, wie Du in dieser Wunschvorstellung bleibst.

Wenn Du beharrlich dabei bleibst, dass Dein Almkäse von glücklichen Milchkühen stammt, die den ganzen Tag rund ums Jahr auf der saftigen Wiese stehen und von ihren Kälbchen umtollt werden, dann kannst Du ihn auch weiterhin essen.

Wenn Du aber, so wie ich, Dich langsam aber sicher der Wirklichkeit stellst, dann geht es einfach nicht mehr.

„Eine Kuh ist kein Hamster. Sie ist ein Nutztier.“

Und damit sind wir in der Wirklichkeit.

Denn auch ein Bio-Bauer muss wirtschaftlich denken. Er kann es sich nicht leisten die Kälber bei den Mutterkühen zu lassen und erst recht nicht männliche Kälber aufzuziehen, die in seinem Geschäft eigentlich nur Abfall sind.

„Im Öko-Bereich gibt es keinen Markt für sie. Zwei Wochen nach der Geburt gehen sie in den konventionellen Markt, wo sie gemästet und geschlachtet werden“ sagt Hans von Hagenow in dem Artikel "Die Haltung macht's" in der Schrot und Korn.

Und deshalb finden sich leider auch in einem zertifizierten Bio-Betrieb winzige Kälberiglus, in denen zarte Kälber nach ihren Müttern rufen und mit Milchpulver statt von ihren Müttern aufgezogen werden.

Weil ihre Milch ja für uns Menschen bestimmt ist.

Und wir so daran gewöhnt wurden diese Milch in allen Formen zu konsumieren, dass es uns schwer fällt etwas Neues zu probieren.

Während der Diskussion meldete ich mich zu Wort und bot unter anderem an, der Dame später zu erklären warum auch in einem Bio-Betrieb die Kälber von ihren Müttern getrennt würden.

Im Anschluss war ich sehr überrascht, denn es kam nicht nur diese eine Dame, sondern noch einige weitere Damen auf mich zu und wollten meine Erklärung hören.

Einige waren erschüttert, andere hatten es wohl schon geahnt und eine folgerte, dass sie dann ganz auf Milch verzichten müsse und wandte sich mit den Worten "Ich weiß nicht, ob ich das kann!" von mir ab.

Die Wahrheit ist manchmal schwer zu ertragen.

Vor allem, wenn sie unangenehm ist. Wenn sie uns von Gewohntem wegführt und uns vor neue Herausforderungen stellt.

Mir ging es am Anfang nicht anders. Auf den geliebten Käse verzichten? Das leckere Eis? Und dann ist alles so kompliziert- überall ist Molke drin.

Ich bin meinem Gefühl gefolgt und Schritt für Schritt gegangen. Ich habe nicht von heute auf morgen auf sämtliche Milchprodukte verzichtet, ich habe mit der Trinkmilch angefangen, die am einfachsten zu ersetzen ist.

Aus meinen Erfahrungen habe ich einen kleinen E-Mail-Kurs entwickelt, der Dich in Dein neues Leben ohne tierische Produkte begleitet.

Aber warum macht Bio keine glücklicheren Kühe?

Natürlich geht es den Milchkühen in einem Vorzeige-Biobetrieb besser, als in einer konventionellen Anbindehaltung.

Und doch unterliegen alle Haltungsformen demselben System: Es geht um Wirtschaftswachstum.

Jeder Milchbauer, ob bio oder konventionell, ist vom Markt abhängig und kann seine Preise nicht selbst festlegen.

Er hat nur einen kleinen Gestaltungsspielraum und der lässt wenig bis gar keine Sympathien für die Kälbchen zu.

Und auch hier geht es wieder um das System.

In diesem Fall das des Karnismus.

Solange wir darin verharren und manche Tiere als Nutztiere deklarieren, sie töten und essen, während wir andere Tiere Haustiere nennen, sie streicheln und mit ins Bett nehmen, solange wird es Kälberiglus geben und mit ihnen trauernde Mütter und verzweifelte Kinder, Kalbsfleisch und Kalbsleder.

Leider hilft uns da weder unsere Wunschvorstellung von "Bio" und auch nicht wenn wir einfach die Augen verschließen und weitermachen wie bisher.

Es passiert trotzdem. Jeden Tag.

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Kommentare

Kommentar von AlexHeit |

Danke für diesen Sonntagmorgenimpuls :-)

Antwort von Stefanie

Sehr gerne ;-)

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