Die Menge macht das Gift

Ein Beitrag von Carsten

Die Dosis macht das Gift

Erst gestern las ich, wie ein Gesundheits-Blogger seine liberale Haltung gegenüber Nahrungsmitteln mit diesem Ausspruch untermauerte. Mann, wie ich das mittlerweile hasse!

Mit diesem Argument kann ja so gut wie alles legitimiert werden.

Fragt sich doch, ab wann wird etwas giftig? Führt die erste Zigarette schon zum Lungenkrebs? Legt der erste Burger bereits das Grundgerüst zum Übergewicht? Darf Diabetes Typ 2 bereits auf die erste Flasche Cola zurück geführt werden?

Und wie verhält es sich mit Weichmachern in Kunststoffen?

Eltern kennen die "BPA free" Kennzeichnung für Kunststoffteile.

BPA, ein nachgewiesen gesundheitsschädlicher Weichmacher, wirkt wie ein Hormon. Also bereits in kleinsten Dosen. Hier gilt "Die Menge macht das Gift" leider nicht.

JEDE Menge ist das Gift. Und BPA findet sich in vielen Kunststoffen. Wie auch zahlreiche andere, bisher nicht oder unzureichend untersuchte chemische Substanzen, die im Rahmen der Kunststoffproduktion verwendet werden.

Lecker, wenn die Plastikfolie derartige Substanzen an die damit eingeschweißten Nahrungsmittel durch Lagerung, Hitzeeinwirkung oder Abrieb abgibt.

Ich denke, es gibt keine klaren Grenzen, ab wann ein Nahrungsmittel giftig wird.

Ob es ein Problem mit der Dosis gab, wird erst viel zu spät und dann durch Krankheiten ersichtlich. Zudem ist dann kaum erkennbar, wo die Krankheit den Ursprung hat.

Kam die Adipositas oder die Diabetes Typ 2 nun vom Fast Food oder den Softdrinks? Von beidem? Welche Nahrungsmittel waren die maßgeblichen "Quellen der Krankheit"?

Gerade letztere Frage zeigt, wie absurd eine Festlegung auf eine singuläre Ursache tatsächlich ist. So monokausal, wie wir uns das gerne im Vorfeld wünschen, ist die Realität nun ja doch nicht.

Neben Mengen/Dosis spielt auch das Zusammenspiel unterschiedlicher Substanzen eine große Rolle.

Zwei Substanzen, die jede für sich ungefährlich sind, können in ihrer Kombination schwerwiegende Folgen haben. Chemie Grundkurs.

Wir wissen das eigentlich, handeln aber trotzdem uns selbst gegenüber verantwortungslos und rechtfertigen unsere Bequemlichkeit mit Aussprüchen wie "Die Menge macht das Gift".

So, an diesem Punkt habe ich meinem Ärger genug Luft gemacht. Und bin doch eher ratlos, was das eigene Handeln betrifft.

Muss ich fortan ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ungesunde Nahrungsmittel esse? Oder muss ich komplett auf einen solchen Verzehr verzichten? Und vor allem: was ist im Einzelfall gesund/ungesund?

Hole ich mich erst einmal selbst auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wir leben in einer Welt in der uns eine unglaublichen Vielzahl an Nahrungsmitteln zur Verfügung steht. Fast immer. Fast überall. Und oft genug schmeckt das Zeug sogar noch so richtig gut.

Ich kann mich da noch so sehr auf den Kopf stellen und es mir was anderes wünschen, aber ich werde die Welt nicht verändern können. Aber ich kann mein Verhältnis zur Welt ändern. Ich kann bewußter handeln.

Ich kann mir beim Kauf und beim Verzehr von Nahrungsmitteln ins Bewußtsein rufen, ob es mir generell gut tut. Oder mir schadet, jetzt oder auf Dauer. Und ich kann mich dann bewußt dafür oder dagegen entscheiden.

Damit fange ich an Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und diese nicht von mir zu weisen, indem ich auf eine fiktive Menge oder Dosis verweise und so unbekümmert irgendeinen Müll (oder soll ich Junk sagen?) in mich rein stopfe.

Ob meine Entscheidungen dadurch besser werden, werde ich leider wohl erst sehr viel später feststellen. Aber ich lerne die Konsequenzen meiner Entscheidungen zu tragen.

Und ich habe einen wichtigen ersten Schritt gemacht, um zu erkennen, dass mein Handeln sogar viele, sehr viele Konsequenzen hat.

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