Geliebtes Haustier - Entscheidung über Leben und Tod

Ein Beitrag von Stefanie

Requiem für meine treue Gefährtin.

Ich hatte einmal einen Hund. Das ist noch gar nicht solange her. Doch dieser Hund ist jetzt tot. Und ich trage die Verantwortung dafür.

Ob mein Hund noch leben würde, wenn ich mich anders entschieden hätte? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass es die härteste Entscheidung war, die ich bisher treffen musste. Die über Leben und Tod.

Wie entscheidest Du, wenn Deine Weggefährtin todkrank ist?

Vor etwa 6 Monaten wurde bei meiner Hündin Krebs diagnostiziert. Etwas genauer ein "malignes Lymphom".

"Ein" ist da etwas irreführend, denn der Krebs hatte schon gestreut und die Organe befallen. Die Milz war riesig und hatte schon die Leber verdrängt.

Nach einer Reihe von Untersuchungen stand die Diagnose fest und ich musste mich entscheiden, wie wir weitermachen sollten.

Verschiedene Möglichkeiten standen im Raum. Von gar nichts tun, über Spritzen, hin zu Chemotherapie - was tun?

Ich war überfordert, ich war hilflos - ich musste handeln.

Ich entschied mich zunächst für die Spritzen. Sie sollten die Ausbreitung des Tumors verhindern und meiner treuen Begleiterin das Leben ein wenig erleichtern.

Sie hatte abgebaut in den letzten Monaten. Ich dachte, sie würde einfach alt werden, sie war doch auch schon fast 14. Geschätzt. Immer geschätzt.

Als ich sie vor 9 Jahren aus dem Tierheim geholt hatte, wusste keiner so genau, wie alt sie wirklich war. Immer nur geschätzt. Ein Fundhund eben.

Damals war sie ein kleines Kraftpaket. Muskelbepackt. Ein hündischer Rohrschachtest. Jeder sah etwas anderes in ihr. "Da ist doch Kampfhund drin." "Da muss Terrier drin sein" - das übliche eben.

Dabei war sie immer nur eines: mein Hund.

Wir haben uns ein Zimmer geteilt, wir haben gemeinsam Vorlesungen gelauscht und ferngesehen. Sie hat jedes Herz erobert. War immer mit dabei.

Später hat sie geduldig Babys erste Streichelversuche ertragen, ist auf Joggingtouren verloren gegangen und immer wieder nach Hause gekommen.

Und dann kam das Alter. Dachte ich. Dabei war es die Krankheit. Und ich hatte sie nicht kommen sehen.

Ich fühlte mich schuldig- wieso hatte ich nichts bemerkt?

Schuld und Sühne - jetzt war keine Zeit dafür. Jetzt musste ich handeln. Ich entschied mich also für diese Spritzen und versuchte das Endgültige vor mir herzuschieben. Die letzte Entscheidung.

Ich haderte. Ich versuchte den Tierarzt dazuzubekommen für mich zu entscheiden. Ich war verzweifelt.

Ich wollte nicht Gott spielen.

Warum musste ich, die ich schon seit Jahrzehnten kein Fleisch aß, weil ich nicht wollte, dass Tiere wegen mir starben, warum musste ich jetzt über den Tod eines Tieres entscheiden? WARUM?

Und dann kam mir ein Gedanke.

Wir entscheiden jeden Tag über Leben und Tod.

Jeder von uns. Mit jeder Mahlzeit. Vielleicht auch mit jedem Stück Kleidung und allem, was wir konsumieren.

Wir denken nur nicht darüber nach. Denn wir töten ja nicht aktiv. Wir lassen es andere machen.

Selbst wir Veganer sind nicht frei von Blut, denken wir nur an die vielen Tiere, die auf den Feldern sterben, während die Ernte eingefahren wird.

Hat diese Erkenntnis es für mich einfacher gemacht?

Nein. Ganz sicher nicht.

Es hat für mich dieses perfide System in dem wir leben dennoch greifbarer gemacht.

Wie viele Menschen treffen tagtäglich eine Entscheidung über Leben und Tod und sind sich dessen nicht einmal bewusst? Was macht das mit uns? Warum verlangen wir von anderen Menschen etwas, was wir selbst niemals tun könnten?

Zurück zu meinem Dilemma.

Ich habe etwa einen Monat lang gehadert und mich dann entschieden.

Meine geliebte Hündin ist jetzt tot. Ihre Asche liegt im Garten eines Krematoriums. Und wo auch immer sie jetzt ist - ich hoffe, es geht ihr gut.

Es war eine furchtbar harte Entscheidung, aber nur ich konnte sie treffen. Das ist ja das perfide daran. Jeder Jäger lacht mich jetzt sicherlich aus.

Aber so wie ich nicht verantwortlich sein will für all die toten Nutztiere, so will ich auch nicht die Verantwortung für den Tod meines Haustiers tragen müssen.

Und doch musste ich es.

Wenn ich jetzt an die letzten Minuten in ihrem Leben denke, wie sie noch während die Betäubung schon wirkte, unbedingt ihren Kopf in meinen Schoß legen musste, tut es immer noch unfassbar weh.

Diese Verantwortung, die wir für unsere Haustiere haben, haben wir die nicht auch für alle anderen Lebewesen? Warum entscheiden wir uns für deren Tod, wenn wir es doch gar nicht müssen?

Stefanie

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